Am Donnerstag, dem 9. April 2026 feierte das Theateratelier der Kantonsschule Uster unter der Leitung von Matthias Werder und Daniela Zimmermann die Premiere ihrer neusten Produktion «Angst oder Hase». Das mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnete Stück der Schweizer Dramatikerin Julia Haenni beginnt in der Ustermer Inszenierung gewissermassen vor der Premiere. Die Truppe ist mitten in den Proben, als sich ein Gefühl einschleicht, das alle kennen, aber kaum jemand offen anzusprechen wagt: die Angst. Die Angst vor der Aufführung, vor dem Publikum, die Angst, im entscheidenden Moment zu versagen – absurderweise sogar vor Hasen. Als es dann noch unter den Zuschauerrängen zu rascheln beginnt, gerät die Probe vollends aus dem Gleichgewicht. Der Mut der Darsteller schwindet, und das Stück droht auseinanderzufallen. Dennoch gelingt es der «Regisseurin» (Noémi Scheinert), die Gruppe wieder zusammenzuführen. Mit Hilfe von Musik und bewusst gezeigter Verletzlichkeit bringt sie die Schauspielerinnen und Schauspieler dazu, wieder miteinander zu kommunizieren und sich vom Gruppenzwang und der Ausgrenzung sogenannter «Angsthasen» zu lösen.
Das Ensemble überzeugte durch eine starke gemeinsame Leistung. Die Jugendlichen bewältigten beeindruckende Textmengen, die präzise auf mehrere Stimmen verteilt und mit hohem Tempo vorgetragen wurden, so dass das Publikum gebannt zuhörte und sich auf die emotionale Achterbahn einliess. Der Inhalt könnte aus der Feder der Jugendlichen auf der Bühne stammen – so authentisch wirken die Referenzen auf Social Media, Filmhelden und alltägliche Unsicherheiten.
Strukturell zusammengehalten wird das Stück von zwei «Spinnerinnen» (Sira Martin und Leandra Moschetta), die als unheimliche Erzählerfiguren fungieren. Im «Oberstübchen» der Bühne (und vielleicht auch in den Alpträumen der «Angsthasen» im Publikum) thronend, halten sie mit ihren unheimlich langen Fingern fabulierend den Erzählfaden am Laufen.
Auch visuell überzeugte die Inszenierung durch kreative Einfälle. In immer neuen Konstellationen glitzerten die roten, grünen und gelben Perücken der Darstellenden im vorherrschenden dunkelblauen Licht (Joanna Karaszewska und Andreas Wagner) der Bühne auf. Ein Bildschirm, der das Smartphone der «Regisseurin» spiegelte, warf Fragen auf, inwiefern Angst unsere Gesellschaft spalte und wer am Ende davon profitiere. Auch erforscht eine zittrige Handykamera wie aus einem Horror-Film das unheimliche Geräusch unter der Zuschauertribüne. Dort offenbart sich schliesslich eine einfache, aber wirkungsvolle Erkenntnis: Nicht nur Menschen haben Angst vor Hasen – auch Hasen fürchten sich vor Menschen.
Im Zentrum des Stücks steht letztlich die Frage, wie mit Angst umzugehen ist: Soll man sie verdrängen, bekämpfen oder akzeptieren? Die Inszenierung plädiert überzeugend dafür, Ängste ernst zu nehmen, sie auszusprechen und gemeinsam zu bewältigen. Diese Erkenntnis erfüllt das Stück am Premierenabend schliesslich selbst: Die Truppe liegt sich am Ende des Stücks in den Armen, das Stück ist mit Erfolg das erste Mal aufgeführt. Die Ängste, die Befürchtungen haben sich in Luft aufgelöst – und haben dem Kollektiv einen Hasen beschert, als Symbol dafür, dass Angst oft weniger bedrohlich ist, als sie zunächst scheint.
Regie: Matthias Werder, Daniela Zimmermann
Es spielen: Arin: Nolan Jost, Ronja Juanós Solé, Dimitri Skiadas
Jascha: Zoe Bommer, Vivienne Brauch, Ela Jordan, Sophie Wewerka
Kim: Sophia Cefalù, Julia Munari, Sophie Pfund, Takfarinas Tripod
Theaterleitung/Angstmensch: Noémi Scheinert
Erzählfiguren: Sira Martin, Leandra Moschetta
Licht und Technik: Joanna Karaszewska, Andreas Wagner